Die Kuratorinanrede von Frau Dietlind Bertelsmann

Dietlind Bertelsmann

Einführungsworte an die Arbeitsgruppe : „Jürgen Bertelsmann“

Sie haben mich eingeladen, über meinen Vater, den Maler Jürgen Bertelsmann zu sprechen. Nun gehöre ich aber zu den vielen Kindern des Krieges, die ihren Vater nicht gekannt haben. Doch in den Erzählungen meiner Familie begegnete er mir, vor allem aber in seinen Bildern, Zeichnungen und Briefen.

Mein Vater wurde 1913 im Künstlerdorf Worpswede geboren. In seinem Elternhaus, – der Vater war Maler, die Mutter Bildhauerin, – bekam er die ersten künstlerischen Anregung. Für ihn wurde lebensnotwendig, zu zeichnen und zu malen. Nach dem Kunststudium unternahm er viele Studienreisen. Ihn zog es immer wieder in den Norden,
an die Küste, ans Meer, ins weite Land. Darum hat ihn wohl auch die Weite und Größe der Landschaft Nordrusslands so stark beeindruckt. Nur führte ihn dort hin nicht die Studienreise, sondern der Krieg.

1941 kam er mit den ersten Truppen von Dänemark aus an die Ostfront. Als Pioniereinheit wurden sie später bei den Kämpfen um Leningrad eingesetzt. In dieser Zeit entsteht ein reiches Werk an Zeichnungen, Aquarellen und kleinen Ölbildern.

“Hier sehe ich Bilder und Bilder…durch alles Kriegsgeschehen hindurch. Ich werde sie
malen müssen, so bedrängen sie mich», schreibt er an seine Frau, – und weiter: “harte Arbeit. Ich fühle meine Hände kaum, kann es aber nicht lassen, dennoch zu zeichnen, wenn die anderen pennen und mir die Augen zufallen vor Müdigkeit. Habe es sogar schon bei 40 Grad Kälte geschafft…”, ein andermal, “Zum Zeichnen komme ich
nur noch auf dem hin und her schwankenden, rüttelnden und schüttelnden Truppentransport LKW”

So begegnete mir von Kindheit an in den Skizzenbüchern und Bildern meines Vaters die russische Landschaft, von der er schreibt: “sie ist viel größer und unberührter als bei uns. Der Mensch ist winzig gegen sie. Er ist von ihr geprägt. Fast hat er noch die Torheit und die Weisheit des Herzens.

Die Gesichter in den Skizzenbüchern sehen mich an mit gütigem Ausdruck, aus dem Herzenswärme spricht, Würde, Vertrauen. So sah er sie. So sahen sie ihn an, – den Besatzungssoldaten.

Zeichnungen, Bilder und Briefe entstanden auch aus der tiefen Verbundenheit meiner Eltern. “Auf die Dauer den Gegner als Mitmenschen im Auge zu behalten, ist für beide Seiten sehr, sehr schwer. Mein Zeichnen und unser Briefwechsel, dass wir in diesem Bemühen ganz eins sind,…das hilft mir wieder und wieder…und überträgt sich auch etwas auf die russischen Menschen, die ich zeichne.

In Begegnungen mit russischen Gefangenen, mit der Zivilbevölkerung reifen seine Gedanken über das Zeitgeschehen, über und gegen den Krieg. “Unter den Kommunisten sind mir Idealisten begegnet, vor deren Einsatz – und Opferbereitschaft ich größten Respekt habe. Warum müssen auch die, die guten Willens sind, sich gegenseitig
bekämpfen? Sie haben das gleiche Ziel, das Leben zum Besseren hin zu verändern, Schlimmes abzuwenden. Dieser Drang ist notwendig und hält uns lebendig. Aber darüber haben sie alle eine verschiedene Meinung, zum Beispiel in den Religionsgemeinschaften, den Philosophen, unter Politikern und sogar unter Wissenschaftlern. Überall spricht
hinein Macht- und Geltungsbedürfnis. Doch überall ist auch ehrliches Bemühen und Nicht-Besser-Wissen. Die größte Tragik für den einzelnen Menschen, wie für die gesamte Menschheit, ist der Irrtum… kein Mensch ist von Irrtum frei. Irrtümer können in den Abgrund führen, wenn Zweck die Mittel heiligt.

Im Mai 1942 kam mein Vater bei den Kämpfen um Leningrad von einem Stosstrupp nicht zurück. 9 Jahre galt er als vermisst. Dann wurde sein Tod von einem Kameraden beglaubigt.

“Ach, wie gern würde ich Dir alles zeigen, wenn nur erst Frieden wäre», schrieb er in einem seiner späten Briefe. Fast 50 Jahre später gab meine Mutter folgende Worte dem Skizzenalbum zum Geleit:

“Die Weiten und Wälder Nordrusslands wurden seine letzte Ruhestätte. Seine Skizzen, Bilder und Briefe ließen mich alles miterleben. Ja, es hat mich alles tief bewegt. Aus Dankbarkeit dafür habe ich das Skizzenbuch nun in russischer Sprache herausgegeben, da mein Mann noch einmal zurückkehren wollte, dann aber als Freund. Ja, wie schön wäre es, wenn man ihn als Freund erkennen könnte.”

Er wurde als Freund in Russland aufgenommen. Meine Mutter erhielt viele wunderbare Briefe, hatte Austausch mit den Schriftstellern Lev Kopelev und Daniel Granin. Auch mir begegnete auf meinen Reisen überall große Wärme und Anteilnahme. Mein Dank gilt den Persönlichkeiten in Russland, die sich mit viel Liebe und Mühe
dafür eingesetzt haben, dass das Werk meines Vaters lebendig bleibt und weiterhin Menschen berührt.

“Von beiden Seiten sehnen sich die Menschen danach, mitmenschlich
empfinden zu dürfen», schrieb mein Vater aus dem Krieg. Er sah nicht Feinde neben Freunden, Russen neben Deutschen. Er sah Mitmenschen – in all ihrer Verschiedenheit, und fühlte mit ihnen. Mensch sein – im guten Sinn – und in der Erfahrung von Grausamkeit und Entbehrungen es bleiben, – vielleicht sogar noch intensiver und
bewusster es werden, -war sein Bemühen, – das war sein Leben, und seine Kunst Ausdruck dafür.

“Das Ringen und Morden in der Welt. Wird das je anders werden?
Und doch,…wer ehrlich das Beste will, ist auch der Mutigste“

Fragen an die Arbeitsgruppe:

Wie wirkt diese Geschichte auf Sie?

Welche Gefühle weckt sie in Ihnen?

Zu welchen Gedanken regt sie an?

Welche Assoziationen entwickeln sich in Ihnen dabei?

Wie würden Sie diesen Menschen charakterisieren, was würden Sie hervorheben?

Mittel und Wege finden, um Vorurteile abzubauen

Erleben durch Sehen, was sagt Ihnen das?

Wie kann man Sensibilität fördern?

Gegen den Strom schwimmen, was verstehen Sie darunter in diesem Zusammenhang Kann man lernen, zu denken, den Mut zu haben zum eigenen Denken?

Nach den Ereignissen des 22.03.2016 in Brüssel

Gedankenansätze und Fragen:

Kampf gegen Obskurantismus

Gemeinschaft der Werte, was verstehen wir darunter

„Miteinander“ leben

Aufgabe der Jungen, eine andere Gesellschaft aufzubauen (bessere!?) Man kann die Gesellschaftsordnung bekämpfen, aber nicht mit diesen Mitteln (Terrorismus), barbarische Gewalt

„Der notwendige moralische, innere Kompass“ (Hanna Arendt) – wie finde ich ihn und bleibe
ihm treu

Unbequeme, aber notwendige Fragen stellen

Umgang mit Tod, Verlust, Erinnerung, Trauer, Liebe (Landschaft der Seele)

Umgang mit der Vorstellung: Held, Heldentum

Anregung an die Teilnehmer: aus meinen Fragen und Gedankenanstössen auswählen – Eigene Fragen stellen oder Gedankenansätze vorschlagen – Im Verlauf des gemeinsamen Austausches werden wir uns bemühen, die Kernthemen herauszuheben, die uns alle besonders beschäftigen und weiterbringen