Die Kuratoranrede von Herrn Sergej Krylow

Guten Tag, Liebe Freunde! Um ehrlich zu sein, soll ich sagen, es ist  mir etwas ungewöhnlich auf solcher Weise zu Ihnen zu kommen,wenn ich auf Kamera aufgenommen bin, und ich bin daran gewöhnt, daß wenn ich mit jemandem spreche, dann sehe Gesichter, sehe die Reaktion. Aber die neue Technik ist da, und nichts zu tun – wir müssen anpassen.  Ich freue mich sehr, daß Sie Interesse an meinem Beruf, Interesse an der Diplomatie haben, in diesem Fall, in seiner kulturellen Aspekt, aber sicher und ein wenig  mehr, als nur ihrer kulturelle Teil. Denn das Hauptziel der Diplomatie besteht darin, um für die Menschen solche Bedingungen zu schaffen, daß Sie glücklich waren, daß es ihnen gut geht, und sie  schön und  komfortabel leben. Aber nach ein paar einleitenden Worten, da wir mit Ihnen noch persönlich treffen und zusammenarbeiten, werde ich Sie bitten, drei Fragen zu überlegen, die wir dann mit Ihnen auf dem Forum diskutieren, schon wenn wir nur zusammen in einem Raum sitzen, wenn wir einander sehen. Aber zuerst – ein paar folgende Bemerkungen. Historisch gesehen, waren Russland und Deutschland immer Recht nahe beieinander, und das für sehr lange Zeit, zumindest bei uns in Russland, unter denen, die sich mit  Außenbeziehungen und Außenpolitik beschäftigte, war die feste Überzeugung verbreitet, daß in Europa kein anderes Land so nah zu uns steht, als Deutschland. Dies gilt für so viele Dinge. Jetzt ist die Situation sehr dramatisch verändert. Und für diese Ansicht, daß wir wirklich sehr nah stehen, gibt es viele Bestätigungen. Na ja, zumindest das, was noch vor einigen Jahrhunderten die russische Zarin Katharina die Große, übrigens deutschstämmig, lud seine Landsleute, nach Russland zu kommen, gab Ihnen bestimmte Grundstücke in den besten Teilen unseres Landes, an der Wolga, dort, wo das wunderbare Klima ist, wo eine wunderbare Erde, und viele Tausende von Familien reagierten auf ihren Aufruf, kamen nach Russland. Sie waren in gewissem Maße Migranten, wie wir sie jetzt nennen, — nicht als Flüchtlinge, natürlich, aber Migranten. Die russische Kultur hatte großen Einfluss auf das was in Deutschland geschieht. Solche Genies wie Goethe, Schiller, Mann, hatten sehr gut  die russische Kultur und die russische Literatur gekannt, und das wirkte sich auf ihr Schaffen. Die Erfindungen von russischen Wissenschaftler waren sehr weit von deutschen Ingenieuren verwendet und in die Praxis eingeführt, und nicht zufällig, oder vielleicht gerade aufgrund der Tatsache, daß es  solch ein Verständnis für einander war , solches Wissen voneinander, bleibt Deutschland auch heute eines der interessantesten Länder gerade zu dieser Industrie -, Engineering-Sicht.

Heute leben  in Deutschland, wenn ich mich nicht in Zahlen irre, rund vier Millionen Einwanderer aus den verschiedenen Regionen von der bereits ehemaligen Sowjetunion, aus Kasachstan, aus den zentralen Gebieten Russlands und aus dem Wolga-Region, nun ja, man kann schon nicht verzeichnen, woher sie kamen, und für alle von ihnen war die russische Sprache ihre Muttersprache, seit ihrer Kindheit waren sie in den russischen kulturellen Traditionen erzogen, ich würde sogar sagen, daß man kann sie alle, unabhängig von Nationalität,  in gewisser Maße als Russen betrachten. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass in unserer Geschichte auch sehr düstere Zeiten waren. Aber das, was wir jetzt  als die Versöhnung zwischen Russen und Deutschen nennen, — das ist unsere gemeinsame historische Leistung, und es ist nur  dank der Tatsache möglich geworden, das unsere beide Völker dazu strebten, und viele Jahre lang diente  diese Versöhnung als Beispiel für andere. Aber heute, wie ich schon gesagt hatte, ist die Situation völlig anders. Aus irgendeinem Grund haben wir aufgehört, einander zu hören, hörten wir auf, einander zuvernehmen, Argumente von einander nicht mehr wahrnehmen, hörten wir auf das zu suchen und zu finden, was uns verbindet und nicht trennt. Medien, Politologen, viele Politiker wiederholen ohne Ende, daß wir immer weiter von einander gehen, daß Russland angeblich die Quelle von allen Übeln ist , die jetzt in Europa gehäuft sind.

 

 Wir leben hier heute unter Bedinungen der  Sanktionen, als ob durch solche Sanktionen möglich wäre,  die Situation zu beheben. Und in Russland wird immer öfter und immer lauter gesagt, daß wir uns besser mit dem Osten als mit dem Westen befassen sollten, daß wir uns von Europa abwenden sollten und mehr auf die wachsende Macht im Osten unseres Landes achten. Und hier sind meine drei Fragen, und  ich möchte Sie bitten, daranzudenken, — wir werden darüber diskutieren, wenn wir uns mit Ihnen hier in Moskau in etwa zweieinhalb bis drei Wochen treffen werden. Erstens: wie könnten Sie die Objektivität der Behauptung einschätzen, daß wir auseinandergehen, daß der Stoff unserer Beziehungen immer dünner wird, und daß dieser Prozess im besten Fall angehalten wird, und bei der Entwicklung nach einem traurigen Szenario wird es weitergehen, so daß wir uns dann für lange Jahre trennen müssen? Wenn Sie nicht einverstanden sind mit dieser Aussage, was genau? Was Ihrer Meinung nach müssen wir tun, um unsere Beziehungen zur vorherigen Ebene zurückzukehren? Und vor allem: was Sie wirklich wollen, können und bereit sind  zu machen, um die Beziehungen zwischen unseren Ländern, zwischen unseren beiden Völkern besser als heute werden,  damit alles Oberflächliches weggeht ?

Die zweite Frage, das zweite Thema. Wie ich schon gesagt hat, ab XVIII. Jahrhundert haben sich die Deutschen, die nach Russland gekommen waren, sehr gut  ans Leben im unseren Land angepasst, und im gewissen  Maße man könnte sie als Migranten nennen, von denen jetzt so viel die Rede ist. Sie waren, wie ich schon gesagt hatte, keine Flüchtlinge, natürlich, — sie kamen freiwillig, aber sie waren Migranten. Heute ist Europa mit einem neuen Phänomen für sich selbst konfrontiert. Selbstverstädlich, Menschen bewegten sich immer von einem Land zum anderen, viele Leute haben nach Europa in den letzten Jahrzehnten gekommen, aber jetzt sind es Flüchtlinge, Menschen anderer Kultur, anderen Gewohnheiten, anderer Lebensweise — was ist damit zu tun? Deutschland hat seit langem eine Politik des Multikulturalismus verkündet, und diese Politik war seit vielen Jahren sehr erfolgreich umgesetzt. Aber jetzt ist die Situation anders geworden, mehr zu sagen: die schrecklichen Ereignisse, die vor kurzem in Brüssel stattgefunden haben, und davor in Paris – Explosionen, Terrorismus – viele assoziieren es mit der Ankunft der neuen Bewohner in Europa, diejenigen, die neuen Europäer werden wollen. Was kann ich damit tun? Müssen wir uns selbst ändern— uns, wer sein ganzes Leben in Europa gelebt hat! — oder irgendwie so machen, daß die neu ankommende Leute sich  an unseres Leben anpassen, an unsere Gewohnheiten, an unsere Lebensweise? Überlegen Sie daran, was könnte die Antwort sein. In der Tat, davon, wie Sie selbst damit umgehen, wie Sie sich Verhalten hängt in hohem Maße die Zukunft der Gesellschaft ab. Sich zu schließen, oder, im Gegenteil, etwas anderes zu tun? Sollte die Politik des Multikulturalismus richtig sein ? Und noch eine Sache in Bezug auf diese Angelegenheit. Ob unsere Gesellschaft überhaupt Migranten braucht? Wie wir am schnellsten   darangewöhnen könnten mit diesen Leuten reibungslos in einer Gesellschaft zusammenzuleben, wenn das immer noch gebraucht wird? Oh, und das Dritte, schon eher nicht aus dem Bereich der Diplomatie und nicht aus der Politik, sondern aus dem Bereich des Sinnes des Lebens. Ich habe bereits gesagt, daß eines der Ziele der Diplomatie, und  wahrscheinlich das Hauptziel  ist — so machen, daß Menschen sich glücklich fühlen. Und Sie selbst – fühlen Sie sich glücklich? Ich frage Sie nicht nach dem, was Glück ist, aber ich möchte, daß Sie jetzt denken: was brauchen Sie dazu, um sich glücklich zu fühlen? Und hier zwei Zitate aus der Russischen und der Deutschen Klassik. Puschkin sagte: “es gibt kein Glück auf Erden, aber es gibt Frieden und Freiheit.” Und Goethe sagte: “Wenn Du ein König oder ein Bauer wärst, wirst Du wirklich nur dann glücklich sein, wenn in Deinem Haus Frieden und Ruhe sein werden». Ich selbst hatte 35 Jahre im diplomatischen Dienst gearbeitet, und in jenen Jahren hat es uns – mir und meinen Kameraden  in diesem Land, und meinen Kollegen aus Deutschland,  gelungen, ziemlich viel zu erreichen. Wir hatten, natürlich bei weitem nicht alles getan, wir hatten Fehler gehabt, und viele Dinge, die wir übersehen hatten, und viele Möglichkeiten nicht umgesezt — aber das ist jetzt Ihre Sache. Was werden Sie tun, damit wir alle zufrieden sein mögen mit der Art und Weise, wie wir leben?

Und zuletzt, wieder von Goethe: «Obwohl die Welt als ganzes bewegt sich vorwärts, die Jugend muß jedes mal von vorne anfangen». Beginnen Sie nicht jedes mal wieder von vorne, machen Sie dort weiter, wo wir aufgehört hatten.  Viel Glück ! Und bis bald!